2026-08-16
Inklusiver Hochseilgarten – klettern mit Behinderung
In Marburg steht seit April 2026 ein Hochseilgarten, der für Rollstuhlfahrer, Menschen mit Muskelschwäche und Sehbeeinträchtigte gebaut wurde. Was inklusives Klettern technisch bedeutet, was es kostet und worauf man vor dem Besuch achten sollte.

Ein Hochseilgarten ist ein Ort, an dem Körpergröße, Gewicht und Beweglichkeit über den Zutritt entscheiden. Fast jeder Betreiber in diesem Verzeichnis nennt eine Mindestgröße, viele ein Höchstgewicht, manche verlangen eine medizinische Selbstauskunft. Das ist sicherheitstechnisch begründet – und es schließt einen Teil der Bevölkerung systematisch aus.
Seit April 2026 gibt es in Marburg an der Lahn – der hessischen Universitätsstadt in Deutschland, nicht zu verwechseln mit dem slowenischen Maribor, das auf Deutsch früher ebenfalls Marburg hieß – eine Anlage, die von Anfang an anders geplant wurde. Sie ist der Anlass für diesen Text, aber nicht sein einziges Thema: Wer mit einer Behinderung klettern gehen will, braucht handfeste Informationen darüber, was technisch möglich ist und welche Fragen man vorab stellen muss.
Was in Marburg gebaut wurde
Der Hochseilgarten steht auf dem Freizeitgelände im Stadtwald von Marburg in Hessen und wird von der Jugendförderung der Universitätsstadt Marburg betrieben. Gebaut hat ihn die ALEA GmbH. Die Stadt hat 272.000 Euro investiert, weitere 10.000 Euro kamen als Förderung vom Hessischen Ministerium für Soziales und Integration.
Die Anlage ist rund sechs Meter hoch – das ist deutlich niedriger als die 12 bis 20 Meter, die in kommerziellen Kletterwäldern üblich sind. Die Höhe ist hier nicht der Punkt. Der Punkt ist, wie man hinauf- und wieder herunterkommt.
Vier Wege nach oben, vier Wege nach unten
Für den Aufstieg stehen zur Verfügung:
- eine Rampe
- Seilaufzüge
- eine Kletterwand
- ein Kletternetz
Für den Abstieg:
- dieselbe Rampe
- ein Seilzug
- eine steile Rampe rückwärts
- eine Seilrutsche
Diese Auswahl ist der eigentliche Kern der Inklusion. In einem konventionellen Kletterwald gibt es genau einen Weg nach oben – eine Leiter oder eine Netzwand – und wer den nicht bewältigt, kommt gar nicht erst in den Parcours. Vier parallele Zugänge bedeuten, dass eine Gruppe mit sehr unterschiedlichen Fähigkeiten gemeinsam oben ankommt, statt sich vorher aufzuteilen.
Gewichtsreduktion für Menschen mit Muskelschwäche
Die Anlage hat eine Gewichtsreduktions-Vorrichtung. Vereinfacht gesagt nimmt ein Gegengewichtssystem einen Teil des Körpergewichts ab, sodass der eigene Kraftaufwand geringer ausfällt. Für Menschen mit Muskelerkrankungen ist das der Unterschied zwischen Zuschauen und Mitmachen.
Tastmodell für Sehbeeinträchtigte
Ein Tastmodell bildet die Anlage ab, sodass sich blinde und sehbehinderte Nutzerinnen und Nutzer den Aufbau vorab erschließen können. Weitere taktile Elemente sind angekündigt.
Auf- und Abstieg sind rollstuhlgeeignet.
Wer die Anlage nutzen kann
Der Marburger Hochseilgarten ist kein Ausflugsziel für Laufkundschaft. Er richtet sich an Gruppen aus Schulen, Vereinen, der Aus- und Weiterbildung sowie der Jugend- und Behindertenhilfe und ist ausdrücklich für Menschen mit und ohne Beeinträchtigungen konzipiert. Wer hin möchte, meldet sich als Gruppe an.
Der Oberbürgermeister sprach bei der Eröffnung von „außeralltäglichen, bewegungsorientierten und gemeinschaftlichen Erlebnissen". Bemerkenswerter finden wir den Satz eines Nutzers, der nach seiner Runde sagte, es habe sich einfach und alltäglich angefühlt. Genau das ist der Maßstab: nicht das besondere Erlebnis, sondern die Selbstverständlichkeit.
Inklusion ist nicht dasselbe wie Barrierefreiheit
Diese beiden Begriffe werden oft synonym verwendet, und im Hochseilgarten führt das zu Missverständnissen.
Barrierefrei meint in der Regel den Zugang zum Gelände: Parkplatz, befestigter Weg, Toilette, Kassenbereich. Es gibt Kletterwälder, die einen barrierefreien Empfang haben und trotzdem keinen einzigen Parcours anbieten, den ein Rollstuhlfahrer erreichen kann.
Inklusiv meint die Anlage selbst: Kann jemand mit eingeschränkter Beweglichkeit tatsächlich klettern? Das braucht anderes Gerät – Rampen, Gegengewicht, Transfermöglichkeiten – und geschultes Personal.
Wenn Sie anrufen, fragen Sie deshalb nicht nach „barrierefrei", sondern konkret:
- Wie kommt man in den Parcours hinauf – Leiter, Netz, Rampe, Aufzug?
- Gibt es ein System zur Gewichtsentlastung?
- Kann ich im Rollstuhl bis zur Einstiegsplattform?
- Ist Personal da, das Transfers begleitet?
- Wie funktioniert die Rettung, wenn jemand oben nicht weiterkommt?
- Gibt es einen Parcours in Bodennähe als Alternative?
Die letzte Frage ist die praktischste. Niedrigseilgärten und Einweisungsparcours liegen meist in ein bis zwei Metern Höhe und sind oft ohne Zeitdruck nutzbar. Für viele Gruppen ist das der bessere Einstieg als der hohe Parcours – auch ohne Behinderung.
Was in Österreich, Deutschland und Slowenien sonst möglich ist
In unserem Verzeichnis mit inzwischen über 150 Anlagen findet sich keine zweite, die derart konsequent auf Inklusion ausgelegt ist. Was es aber gibt, und was oft übersehen wird:
Anlagen mit sehr niedrigen Parcours. Wo ein Trainings- oder Kinderparcours in einem Meter Höhe verläuft, ist der Einstieg für viele leichter. Der Kletterwald Winterberg etwa führt seinen Kinderparcours in einem Meter Höhe, der Kletterwald Haltern hat drei eigene Einweisungsparcours.
Anlagen, die Begleitpersonen nicht zahlen lassen. Bei vielen Betreibern kostet der Eintritt nur für Kletternde – wer unten bleibt oder assistiert, zahlt nichts. Das ist für Assistenzkräfte relevant.
Anbieter mit erlebnispädagogischem Schwerpunkt. Häuser wie der Kletterwald Borken haben ausgebaute Gruppenprogramme, Trainerteams und einen Seminarraum. Solche Betriebe können auf Sonderbedarf eher eingehen als eine reine Selbstbedienungsanlage.
Ermäßigungen mit Ausweis. Mehrere Anlagen – Bonn, Schwindelfrei in Brühl, Paderborn, Soest, Hamm – gewähren Menschen mit Behindertenausweis den ermäßigten Tarif. Das ersetzt keine Zugänglichkeit, ist aber der Hinweis darauf, dass man dort mit dem Thema rechnet.
Warum das gerade jetzt Thema ist
Der Marburger Bau fällt in eine Phase, in der über Zugänglichkeit im Freizeitsport spürbar mehr gesprochen wird als noch vor zehn Jahren. Ein Teil davon ist Förderpolitik: Ohne die Landesförderung wäre die Anlage in dieser Form vermutlich nicht entstanden. Ein anderer Teil ist Bauweise – moderne Hochseilgärten werden modular geplant, und ein Modul mit Rampe kostet nicht grundsätzlich mehr als eines mit Leiter, wenn es von Anfang an mitgedacht wird.
Für Betreiber, die neu bauen oder erweitern, ist das der praktische Schluss aus Marburg: Die Entscheidung fällt in der Planung, nicht im Betrieb. Nachträglich eine Rampe an eine bestehende Plattform zu hängen, ist teuer. Sie beim Bau vorzusehen, ist es kaum.
Häufige Fragen
Kann man im Rollstuhl in einem Hochseilgarten klettern? In den allermeisten Anlagen nicht, weil der Einstieg über Leitern oder Netze führt. In Marburg sind Auf- und Abstieg rollstuhlgeeignet gebaut. Fragen Sie bei jeder anderen Anlage konkret nach dem Weg auf die Plattform.
Gibt es Ermäßigungen für Menschen mit Behinderung? Ja, bei vielen Betreibern gilt gegen Vorlage des Ausweises der ermäßigte Tarif. Begleitpersonen, die nicht klettern, zahlen bei den meisten Anlagen ohnehin nichts.
Was ist ein Niedrigseilgarten? Eine Anlage in ein bis zwei Metern Höhe, oft ohne Gurt und Seilsicherung, dafür mit Sicherung durch die Gruppe. Sie wird vor allem erlebnispädagogisch eingesetzt und ist häufig zugänglicher als ein hoher Parcours.
Wie finde ich eine passende Anlage in meiner Nähe? Über unser Verzeichnis lassen sich Anlagen nach Bundesland, Alter, Körpergröße und Preis filtern. Die Mindestgröße ist dabei der beste erste Filter – sie ist bei fast allen Betreibern die harte Grenze.
Quellen: Pressemitteilung der Universitätsstadt Marburg zur Eröffnung des Hochseilgartens, Beitrag der hessenschau vom Juli 2026. Angaben zu einzelnen Anlagen aus den Websites der jeweiligen Betreiber, zuletzt geprüft im August 2026.